Dipl Med Schmid

Beckenbodenschwäche nach der Geburt: Ursachen und Rehabilitation

· Dipl.-Med. Kristin Schmid
Beckenbodenschwäche nach der Geburt: Ursachen und Rehabilitation

Der erste Schritt in den Alltag nach der Geburt ist oft aufregend – und anspruchsvoll. Neben dem Neugeborenen, dem Schlafmangel und der emotionalen Umstellung bleibt für viele Frauen die eigene körperliche Erholung zunächst im Hintergrund. Dabei verdient gerade der Beckenboden nach einer Geburt besondere Aufmerksamkeit: Er hat in den vergangenen neun Monaten Enormes geleistet, und eine gezielte Rehabilitation macht langfristig einen erheblichen Unterschied.

Was der Beckenboden leistet – und was ihn schwächt

Der Beckenboden ist eine mehrschichtige Muskel- und Bindegewebsplatte, die das kleine Becken nach unten abschließt. Wie eine Hängematte zwischen Schambein und Steißbein gespannt, trägt er Blase, Gebärmutter, Vagina und Darm – und hält dabei deren Verschlussmechanismen funktionsfähig.

Während der Schwangerschaft wird dieses System durch hormonelle Veränderungen gelockert, damit sich der Körper auf die Geburt vorbereiten kann. Der wachsende Uterus übt über Monate hinweg kontinuierlichen Druck auf die Beckenbodenmuskulatur aus. Bei einer vaginalen Geburt kommt es dann zur maximalen Dehnung – die Muskulatur muss dem durchtretenden Kind nachgeben, Nerven und Bindegewebe werden beansprucht.

Bestimmte Faktoren erhöhen das Risiko einer ausgeprägten Beckenbodenschwäche:

  • Langwierige Austrittsphase mit längerem aktivem Mitpressen
  • Geburtsgewicht über 4000 Gramm
  • Instrumentelle Geburt mit Zange oder Saugglocke
  • Dammriss oder Episiotomie mit Verletzung des Gewebes
  • Mehrere Schwangerschaften in kurzer Folge

Auch nach einem Kaiserschnitt ist der Beckenboden nicht unbedingt verschont: Die lange Druckbelastung während der Schwangerschaft hinterbleibt unabhängig vom Geburtsmodus.

Wann spricht man von postpartaler Beckenbodenschwäche?

Eine gewisse Schwäche des Beckenbodens unmittelbar nach der Geburt ist völlig normal. Problematisch wird es, wenn die Beschwerden nach Wochen anhalten oder sich verstärken. Typische Zeichen sind:

  • Belastungsinkontinenz: Urinverlust beim Husten, Niesen, Lachen oder Sport
  • Dranggefühl: plötzlicher, kaum kontrollierbarer Harndrang
  • Druckgefühl im Unterbauch oder in der Vaginalregion
  • Senkungsbeschwerden: Das Gefühl, als würde etwas „herausfallen"
  • Schmerzen beim Sitzen oder beim Geschlechtsverkehr

Laut Gesundheitsinformation.de, dem Informationsportal des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), berichtet etwa jede dritte Frau nach einer Geburt von Harninkontinenz. Viele schweigen aus Scham – dabei sind die Beschwerden gut behandelbar.

Postpartale Rehabilitation: Wann beginnen?

Die ersten Wochen nach der Geburt sind für aktive Übungen noch zu früh. Körper und Gewebe brauchen Zeit zur Regeneration. In dieser Phase helfen bewusstes Atmen in den Bauchraum und das sanfte Wahrnehmen des Beckenbodens – ohne Anspannung oder Krafteinsatz.

Ab der sechsten bis achten Woche post partum, nach dem gynäkologischen Nachsorgetermin, kann mit einem strukturierten Rückbildungsprogramm begonnen werden. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfiehlt Rückbildungskurse, die gezielt Beckenboden, Rücken und Bauchmuskulatur ansprechen.

Bei ausgeprägten Beschwerden oder Verletzungen ist Physiotherapie mit Spezialisierung auf Beckenboden der richtige Einstieg – noch vor oder parallel zu Gruppenkursen.

Beckenbodentraining: Die Grundprinzipien

Den Beckenboden bewusst wahrnehmen

Viele Frauen wissen nicht genau, welche Muskelgruppe sie ansprechen sollen. Eine Hilfe: Stellen Sie sich vor, Sie würden verhindern wollen, beim Wasserlassen zu beginnen. Das Gefühl des „Anziehens" von innen nach oben ist der erste Schritt – ohne dabei Gesäß, Bauch oder Oberschenkel zu verkrampfen.

Kraft und Ausdauer trainieren

Das Beckenbodentraining unterscheidet zwei Muskeltypen: langsame Ausdauerfasern für das Halten und schnelle Fasern für die reflexartige Kontraktion. Ein vollständiges Programm trainiert beides:

  • Langsame Anspannungen: 10 Sekunden halten, 10 Sekunden lösen – fünfmal wiederholen
  • Schnelle Kontraktionen: kurze, kräftige Anspannungen in rascher Folge
  • Entspannungsphasen: genauso wichtig wie die Aktivierung

Regelmäßigkeit schlägt Intensität: Täglich 10–15 Minuten bringen mehr als gelegentliche lange Einheiten.

Physiotherapeutische Unterstützung

Bei anhaltenden Beschwerden ist professionelle Hilfe unverzichtbar. Beckenbodenspezialisierte Physiotherapeutinnen arbeiten mit manuellen Techniken, Biofeedback-Geräten und individuellen Übungsplänen. Das Universitätsklinikum Jena betont, wie wichtig eine frühzeitige, gezielte Behandlung ist, um Langzeitfolgen wie Senkungsbeschwerden zu vermeiden.

Qualifizierte Therapeutinnen finden sich über die AG GGUP (Arbeitsgruppe Gynäkologie, Geburtshilfe, Urologie und Proktologie), den Fachverband für Beckenbodentherapie in Deutschland.

Was den Beckenboden im Alltag entlastet

Neben dem gezielten Training zählen auch Alltagsgewohnheiten:

  • Heben und Tragen mit geradem Rücken und aktiviertem Beckenboden
  • Husten und Niesen mit gleichzeitiger Beckenbodenspannung
  • Ballaststoffreiche Ernährung gegen Obstipation, die durch starkes Pressen den Beckenboden belastet
  • Normalgewicht anstreben, da Übergewicht den Druck erhöht

Wann ärztliche Beratung notwendig ist

Sprechen Sie Ihre Gynäkologin an, wenn Beschwerden nach zwei bis drei Monaten konsequentem Training nicht nachlassen, wenn Schmerzen auftreten oder wenn das Druckgefühl zunimmt. In manchen Fällen können ergänzende Maßnahmen wie Pessare oder weiterführende Diagnostik sinnvoll sein.

Eine Beckenbodenschwäche nach der Geburt ist kein Schicksal, das man hinnehmen muss. Mit geduldiger, regelmäßiger Rehabilitation lässt sich die Funktion in den meisten Fällen deutlich verbessern – und das Wohlbefinden nachhaltig stärken.